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Sonntag, 25. August 2024

Renzension: Was bleibt, wenn du gehst

Hin und wieder gibt es Phasen, in denen ich einfach etwas leichtes lesen mag. Ich mag Alltagsgeschichten, die auch ein bisschen romantisch sein dürfen. Also habe ich nach kurzem Überlegen mit geschlossenen Augen das nächstbeste Buch gegriffen landete bei Amy Silvers Was bleibt, wenn du gehst.

Die Geschichte handelt um eine Zusammenkunft alter Freunde, die sich jahrelang nicht gesehen haben. Von Jen wurden sie mehr oder weniger wissentlich um die anderen in das Haus in Südfrankreich eingeladen, welches ihr ganz eigen privates Heim gewesen ist, bis sich ein Autounfall ereignete, der das Leben aller aus der Bahn warf. Die Auslöser, die damaligen Probleme, Geheimnisse und unausgesprochene Worte kommen wieder ans Tageslicht. Den Geistern der Vergangenheit muss sich gestellt werden.





Einschätzung

 
Es fiel mir schwer, mich mit der "Hauptperson" Jen anzufreunden. Sie wird als zentraler Angelpunkt gesetzt, welcher die Fäden des Romans hält. Dennoch sind ihre Verhaltensweisen und ihre Dialogführungen oftmals sehr theatralisiert und wirken nahezu perfekt, bis es zur Enthüllung ihres damaligen Fehltritts mit einem der Freunde kommt. Doch selbst dann wirkt sie im Gegensatz zu den anderen noch sehr "unschuldig".
 

Mit den fortschreitenden Kapiteln rücken jedoch auch die anderen ihrer Freunde in den Fokus und man erfährt nach und nach in einer angenehmen Geschwindigkeit näheres zu Andrew, Natalie, Lilah und Dan. Ihr verstorbener Freund Conor findet hingegen zwar immer wieder Erwähnung, doch erscheint diese - obwohl sein Tod so schwer für Jen und Andrew wiegt - recht oberflächlich.
Andrew selbst ist die Schuld in Person. Er macht sich zum Sündenbock und es mag unweigerlich verständlich sein, dass er der gefühlte "Grund" für den Unfall darstellt, doch kommt auch hier das eigentliche Problem - sein eigen verpatztes Leben - wenig zu Sprache.


Hingegen sind Natalies körperliche Schäden, die sie durch den Unfall davontrug, den gesamten Roman hinweg spürbar und zeichnen sich auch auf ihre Verhaltensweisen ab, auf ihre Reaktionen. In meinen Augen ist Natalie trotz ihrer teilweise Hysterie und ihrer Zickigkeit und Bestimmtheit eine der authentischsten Figuren, was die Darstellung betrifft... dass die Beziehungsprobleme allerdings von Silvers zwischen ihr und Andrew nur immer angedeutet werden, aber nie direkt zur Sprache kommen oder aufgedeckt werden, ist sehr schade. Es hätte der Geschichte mehr Tiefgang gegeben, hätte durchaus auch Andrews Schuldgefühle in einen rechten Fokus rücken können... Hingegen wirft Natalie ihm vor, dass er durch die Eintragung ins Strafregister nur ein Lehrer an einer lausigen Schule geworden ist, statt eines Anwalts und selbst das verletzt ihn nur unwesentlich für ein paar Seiten...


Wenn wir zu einer weiteren authentischen Person kommen, so ist dies Lila - eine Alkoholikerin (was auch noch durch ständiges Einschenken von selbigen durch die anderen begünstigt wird), ein Partygirl, immer Abgrund balancierend und magersüchtig... Ihr Verhalten ist kindisch, übertrieben, hemmungslos - passt aber zu ihrer Erscheinung von damals bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt.
Der Letzte im Bunde, Dan, ist der typische Draufgänger, der nie erwachsen werden kann - Jens Beschreibung des "verlorenen Jungen" passt sehr gut. Im Großen und Ganzen erinnert er aber stark an einen Daniel aus "Bridget Jones" oder an Dexter aus "One Day" ("Zwei an einem Tag") ... einzig und allein seine übertriebene Fantasie, die ihm selbst Angsterscheinungen in der Nacht bereitet (Axtmörder voraus), geben ihm etwas Abwechslung.

Was die Geschichte nicht weniger ausmacht, sind leider bereits genannte Theatraliken. Natürlich sind sie überängstlich, was Straßen und Autos betrifft bzw. Schneegestöber... aber dass die bis eben noch so ruhige Natalie auf einmal eine 180 Grad-Wendung macht und nun mehr komplett cholerisch wird... oder dass Jen das typisch schlechte "Geh nicht!" - "Komm mir nicht zu nahe!" Spiel innerhalb zwei Minuten oft genug aufkommen lässt und anhand von Blutstropfen auf der Treppe abergläubisch schlechte Omen drin liest, sind für mich Übertreibungen, die es nicht braucht. Selbst der Tod Lilahs (Nein, keine Überdosis, aber dennoch sehr klischeehaft) wird noch ausgereizt, nur dass das Happy End später im selben Zimmer stattfindet, dass bereits als Zuflucht, Betrugsort und Sterbestätte galt...

Kommen wir dann noch zu einem Punkt: Die Entschuldigungsfloskeln. Mit voranschreitender Seitenzahl wird sich immer und immer mehr entschuldigt. Für jedes Wort, wie es scheint. Die Charaktere erklären sich in Monologen, als würden sie ihre eigenen Therapiesitzungen veranstalten und der eine glaubt zu wissen, wie der andere tickt... Kurzum, geht es nach gewisser Zeit ziemlich auf den Keks immer und immer wieder dieselben Maschen lesen zu müssen.

Das heißt jedoch nicht, dass Amy Silver nicht schreiben kann. Sie kann... denn ansonsten hätte ich das Buch weggelegt. Man kommt flüssig und schnell durch die über vierhundert Seiten. Man möchte auch nicht aufhören, weil man wissen will, wie die Geschichte weitergeht - wie die Rückblenden ausgehen. Wäre jetzt nur noch der Tiefgang gegeben, dann wäre es eine wirklich gute Geschichte gewesen. So hingegen ist ein recht oberflächlicher Roman, der dann auch noch mit einigen Rechtschreibfehlern glänzt... Wobei ich nie vergessen werde, wie fruchtbar Jen aussah, obwohl sie eher furchtbar hätte aussehen müssen...




Love Letters to the Dead.
Amy Silver
RoRoRo, 2014, 448 Seiten
ISBN: 978-3499268526
Preis: 9,99€

Donnerstag, 19. Mai 2016

Rezension: Unterm Birnbaum

Jedem wird wohl noch der "Herr von Ribbeck von Ribbeck auf Havelland" ein Begriff sein, in dessen Garten ein Birnbaum stand.
Dass der Birnbaum selbst allerdings eine eigene Geschichte vorweist, die recht wenig mit dem schönen Gedicht Fontanes zu tun hat, dürfte dann eher wenigeren bekannt sein.




Kaufmann und Schankwirt Abel Hradscheck ist verschuldet und entdeckt eines Tages beim nächtlichen Umgraben seines Gartens die alte Leiche eines französischen Soldaten.
Dies gibt Hradscheck allerdings Anlass, den anrückenden Schuldeneintreiber zu ermorden und mit Hilfe des gefundenen Toten die Tat zu vertuschen.
Seine Frau kann dies Vergehen allerdings nicht verkraften und zerbricht an den Schuldgefühlen, obwohl Hradscheck tatsächlich den Verdacht von sich lenken kann und aus erster Gewahrsamkeit wieder freikommt.
Die in seinem Keller vergrabene Leiche will er eines Tages umbetten, kommt aber durch ein Missgeschick selbst zu Tode und wird am nächsten Tag gemeinsam mit dem Ermordeten von den Dorfbewohnern aufgefunden.

Fontane bringt in seiner Kriminalgeschichte die unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und damit auch beschreibende Charaktere hervor:


  • Der unglücksame aber auch schlechte Geschäftsmann Hradscheck, welcher auf der einen Seite Angst vor Nachrede hat, zweitklassige Waren anzubieten und den Speck so lieber des Nachts in seinen Garten vergräbt, aber auf der anderen Seite sogar einen Mord begehen kann.
  • Seine tüchtige, aber doch nicht dem Reichtum und des Geldes abgeneigte Frau Ursel, welche ein labiles Nervengeflecht besitzt und daran zugrunde geht - wobei sie lieber alles wäre, nur nicht arm.
  • Der fromme Pfarrer Eccelius, welcher die Beichten von Hradschecks Frau aufnimmt und ihr ein guter Berater und Freund wird und das Gewissen des Dorfes verkörpert.
  • Der Junge Ede, der "Narr" in der Geschichte
  • Die alte Jeschke, das Tratschweib, welches aber gleichzeitig eine der Hauptärgernisse für Hradscheck bedeutet, weil sie ihre Augen überall zu haben scheint
  • ...

Fontane gibt dem Dorf außerdem ein Leben durch gesellschaftliches Treiben im Wirtshaus, heiteren Plaudereien und Aberglaube - Dinge, die sich selbst entfalten, mehr Macht gewinnen und so die Dorfbewohner nicht nur zu dem voreiligen Schluss kommen lassen, dass Hradscheck den toten Soldaten im Garten ermordete - was faktisch nicht stimmen konnte - sondern ihnen auch noch aufzeigen, dass sie damit die Ehre eines Mannes ihresgleichen beschmutzt hatten und solch ein falsches Urteil zu entscheidenden Konsequenzen führen kann.
Dass sie mit ihrer anfänglichen Vermutung in anderer Hinsicht richtig gelegen hätten, ist dann jedoch eine andere Geschichte.

Wie man es von Hamburger Leseheften kennt, erwarten einem zum Schluss nicht nur nützliche Informationen hinsichtlich Begrifflichkeiten im Werk selbst (allerdings keine sprachlichen, bezogen aufs Plattdeutsche!), sondern auch ein kurzer Lebensabriss Fontanes und eine ausführlichere Erläuterung zur Einordnung des Birnbaums in die Zeitlinie seiner Werke.

Das Plattdeutsche ist in den meisten Fällen gut zu verstehen - Geheimnis dahinter, wie es meist mit Dialekten ist: nicht lange darüber nachdenken, sondern lesen und vor sich hinsprechen.


Einschätzung

Zunächst: natürlich schadet es nicht, wenn man sich ein Langenscheid Lilliput Plattdeutsch Wörterbuch anschafft, aber man wird auch ohne in den meisten Fällen zurechtkommen.
Gerade bei Charakteren wie die alte Jeschke ist aber jener Dialekt lebensfördernd.

Fontanes Werk lässt sich zweimal lesen - Erst dann fallen einem kleine Einzelheiten auf, die man zunächst übersah und welche bereits Hinweise auf spätere Vorkommen geben. Sei es die Wichtigkeit des Birnbaums in seiner Bedeutung oder jene Wichtigkeit der Ölfässer.
Wie man es schon aus seinen Balladen her kennt, ist die Sprache das I-Tüpfelchen der Geschichte.
Besonders, wenn es um die naturellen Beschreibungen geht, zeigt sich Fontanes Talent, wundert dies aber nicht, wenn man an seine vierbändige Wanderungen durch die Mark Brandenburg denkt.

Unterm Birnbaum ist ein kurzes Lesevergnügen, das man aber nicht unterschätzen sollte.
Mit den Charakteren kann man sich zwar nicht unbedingt identifizieren, dafür erlebt man aber als Zuschauer ein tolles Zusammenspiel der unterschiedlichsten Personen und wie sie entsprechend miteinander zu agieren verstehen.
Gerade das sehr ironische Ende Hradschecks ist ein Ausgang, den ich so nicht erwartet hätte.
Wer hinzukommend Wert auf gut gewählte Worte legt, ist bei Fontane mehr als gut aufgehoben.



Unterm Birnbaum
Theodor Fontane
Hamburger Lesehefte, 85 Seiten
ISBN-10: 3872911538
ISBN-13: 978-3872911537
Preis: 1,60€